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Ausgangslage:

Der „Silberne Tsunami“ oder die „Graue Flut“ sind derzeit gängige Metaphern, die der scheinbaren Bedrohung, die von der „Überalterung“ der Gesellschaft ausgeht, Ausdruck verleihen (Charise 2012). So lauten Zeitungsüberschriften etwa, Altenpflege: Österreich droht Super-GAU" oder „Dramatische Zukunftsprognose: Auf Österreich rollt eine Welle der Demenz zu!“. Dieser Krisendiskurs, der das Alter abstrahiert, es mit Atomkatastrophen, Überflutungen und Krankheiten gleichsetzt und die drohende Gefahr mit statistischen oder medizinischen Daten scheinbar wissenschaftlich belegt, lässt eine besorgniserregende gesellschaftliche Spaltung erkennen: Alt und jung werden als binäre Gegensätze positioniert; dabei werden alte, kranke und pflegebedürftige Menschen als ökonomische und soziale Bürde dargestellt, die „die Jungen“, die als Norm postuliert werden, belasten. "Ageism“ – die Diskriminierung aufgrund des Alters – ist ein ernstzunehmendes Problem (Gullette 2017). Auch wenn „Alter“ zusammen mit anderen Kategorien wie beispielsweise ethnischer Zugehörigkeit, sozio-ökonomischem Hintergrund und Gender seit Kurzem in sozial- und kulturwissenschaftliche Untersuchungen miteinbezogen wird, geschieht dies immer noch nicht in ausreichendem Maße.

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Foto: Barbara Ratzenböck

Vor allem vor dem Hintergrund der Debatte über die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems (Stichwort „Pflegeregress“) wird klar, dass Gebrechlichkeit, Autonomieverlust und Demenz verschiedene Facetten ein- und desselben bedrohlichen Schreckgespensts darstellen: dem der Pflegebedürftigkeit. Dabei ist das Altersheim ein Ort, der für die meisten Menschen mit negativen Vorstellungen und Angst behaftet ist; Demographische Entwicklungen lassen jedoch nicht nur in der Steiermark ein Ansteigen der Pflegebedürftigkeit erwarten: Der Anteil von Menschen, die älter als 80 Jahre sind, wird sich in Europa laut Eurostat 2030 fast verdoppelt haben.

Aufgrund dieser einschneidenden gesellschaftlichen Veränderung kommt der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Alter(n) große Bedeutung zu. Dies gilt insbesondere in Hinblick auf die Erarbeitung interdisziplinärer Lösungsansätze, um einer gesellschaftlichen Spaltung entgegen zu wirken. Das Thema Alter(n) und Pflege ist komplex; das vorliegende Projekt spiegelt diese Komplexität wider.

Projektbeschreibung

Leitfragen:

  1. Welche Diskurse und Narrative bestimmen gesellschaftlich geteilte Vorstellungen des Alter(n)s und der Pflege?

  2. Welche bereits implementierten Modelle und Konzepte sind in verschiedenen Kontexten der Langzeitpflege sinnvoll und vielversprechend („promising practices“)? Welche neuen Konzepte (etwa in Bezug auf Wohnformen, Integration, Finanzierungsmodelle etc.) wünschen sich ExpertInnen im Bereich der Altenpflege? Wie können diese kurz-, mittel- und langfristig auf welche Weise umsetzbar sein?

  3. Wie können negativen Alter(n)sbildern positive Bilder und Diskurse entgegengesetzt werden, damit es langfristig zu den gewünschten systemischen Verbesserungen im Bereich der (institutionellen) Altenpflege kommen kann und eine Polarisierung zwischen jung und alt vermieden wird?

Ziele:

Dieses Projekt setzt sich zum Ziel, Alter(n) und Pflege am Standort Steiermark neu zu denken. Es fördert die interdisziplinäre Zusammenarbeit von ExpertInnen aus unterschiedlichen Fachgebieten (Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften, Kunst, Medizin, Technik), die sich aus verschiedenen Blickwinkeln mit dem Thema Altern und Pflege beschäftigen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der interdisziplinären Nachwuchsförderung im Bereich kulturelle Gerontologie und Health Humanities sowie der Vernetzung von Forschungseinrichtungen am Hochschulstandort Steiermark untereinander sowie mit Institutionen aus der Praxis (Altersheime, NGOs, Technologie,) und der Wirtschaft.

Ausgehend von der Annahme, dass unsere Alter(n)sbilder sozial konstruiert und kulturell geprägt sind, werden gesellschaftliche Vorstellungen bezüglich des Altwerdens und der Pflege als „Defizitmodell“ neu erzählt, langfristig positiv verändert und institutionelle Pflege als gute Alternative und Erfolgsmodell gesehen - sowohl für pflegebedürftige Menschen und Angehörige als auch für diejenigen, die in Pflegeberufen tätig sind. Es werden neue Ideen und innovative Konzepte entwickelt, um einer gesellschaftlichen Spaltung in „jung“ (produktiv, positiv) und „alt“ (belastend, negativ) entgegenzuwirken.

Maßnahmen zur Zielerreichung:

  1. Weiterentwicklung der interdisziplinären Alternsforschung am Standort Steiermark durch Nachwuchsförderung und Vernetzung

  2. Aufbau eines interdisziplinären Netzwerkes zum Thema Alter(n) und Pflege am Standort Steiermark

  3. Wissenstransfer und Entwicklung gemeinsamer Projekte